The Legend of Celda: Metamorphose eines Helden

von retrodadler

The Legend of Zelda: The Wind Waker markierte den sechsten Ableger der erfolgreichen Nintendo-Franchise. Das 2002 in Japan erschienene Adventure im maritimen Look enterte im Mai des Folgejahres Europa – und die Herzen der Fans. Über 4.3 Millionen Einheiten konnten abgesetzt werden. Die offene Oberwelt, die unzähligen Geheimnisse auf den Dutzenden Inseln und das gewohnt ausgeklügelte, Zelda-typische Gameplay machen aus dem Spiel einen modernen Klassiker. Selbst die HD-Neuauflage für die darbende Wii U wirkte sich positiv auf die Hardwareverkäufe aus. Zwar nur kurzfristig, jedoch nicht minder überraschend, bedenkt man das Alter des Spiels und die heftige Kontroverse, die zu Beginn des neuen Jahrtausends die Nintendo-Jünger in Rage versetzte.

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Der Taktstock verändert die Windrichtung

Die Sprache ist natürlich von der Cel-Shading-Grafik, dank derer Link – Hauptprotagonist der Serie – einen dezidiert comicartigen Anstrich erhält. Um die Tragweite des damaligen Aufruhrs zu erfassen, lohnt ein Blick auf den zeithistorischen Kontext.

Zurück lag ein Jahrzehnt, in dem Nintendo sukzessive die monopolgleiche Stellung über den Videospielmarkt an Sony verlor. Die Playstation des japanischen Konkurrenzunternehmens galt als die coolere Alternative zum als Kiddiekonsole degradierten N64. Exklusivserien wie Tomb Raider und Grand Theft Auto maximierten diesen Eindruck. Mit Square überwarf man sich, weshalb Final Fantasy nie auf Nintendos 64-Bitter lief. Kampfspiele wie Tekken galt es durch den ersten ‚Smash Brothers‘-Ableger intern zu substituieren. Selbst das Renngenre war auf dem N64 chronisch unterrepräsentiert. Nintendo galt schlechthin als Produzent knuddliger Hüpfspiele. Junge Erwachsene (und die sich dafür hielten) blieben der Konsole fern.

Mit dem Gamecube als Nachfolgekonsole trat Nintendo den Versuch an, genau dieses Image abzustreifen. Microsofts erste X-Box stand in den Starlöchern. Trotz der Demission Segas war der Konsolenmarkt somit stärker umkämpft als jemals zuvor. Auf der Spaceworld 2000 enthüllten die Japaner ihre neue Konsole und warteten mit beeindruckenden Sequenzen ihrer Flagschiff-Maskottchen Super Mario und Link auf.

 

Vor allem der epische Schwertkampf mit Ganondorf weckte Begehrlichkeiten. Das erste N64-Zelda (Ocarina of Time) galt schon damals als eines der besten Videospiele aller Zeiten. Erwartet wurde somit eine optisch an die Fähigkeiten des Gamecubes angepasste Version: nach gewohntem Rezept! Stattdessen regierte das Entsetzen, als Nintendo auf ihrer hauseigenen Messe 2001 der Öffentlichkeit erste Spielsequenzen des neuen Titels präsentierte.

 

Die Folge: Eine Mixtur aus Verbitterung und Frust, garniert mit einer Messerspitze ‚Wollt ihr uns eigentlich verars***?’. In der deutschsprachigen Fachpresse versuchte man indes, die Wogen zu glätten. Doch nicht immer gelang es den Redakteuren, ihre eigene Enttäuschung zu kaschieren. Die big.N (08/2002, S. 40) titelte: „Im neuen Look löst Link nicht nur Begeisterungsstürme aus“ und sorgte für die Verbreitung des despektierlichen Spitznamens „Cel-da“. Das damalige Fazit: „Miyamoto schwimmt gegen den Strom.“

Überstunden musste die Präposition trotz einlegen, wie ein Beispiel aus der N-Zone belegt (09/2002, 14-15): „Trotz umstrittener Cel-Shading-Technik können Zelda-Fans die Veröffentlichung […] kaum erwarten“, „Trotz revolutionärer Grafik bleibt das klassische Zelda-Feeling erhalten.“ Dieselbe Zeitschrift vergab ein halbes Jahr später die Traumwertung von 95% – und befand sich damit in guter Gesellschaft, vergab das renommierte japanische Fachmagazin Famitsu gar seine Bestnote (viermal 10 von 10).

Cellda Cover

Trotz aller Unkenrufe sahnt der Titel Traumnoten ab

Es ist im Nachklang schwer zu verstehen, weshalb die Reaktionen so scharf ausfielen. Spiele in Cel-Shading-Grafik gab es bereits zuvor (Jet Set Radio, Cel Damage). Titel wie Viewtiful Joe (2003) wurden gefeiert. Und nicht mit brennenden Fackeln aus der Stadt gejagt. Die Technik erlaubt im Grunde die grafische Abgrenzung von Schattierungen und Farbverläufen. Durch die so entstehende ‚Comic-Grafik’ war es schon mit der eingeschränkten Technik der 128-Bit-Generation möglich, gestische Bewegungsabläufe, eine breite Palette mimischer Ausdrücke und Slapstickelemente einzuflechten. All dies machte The Wind Waker zu einem unfassbar vitalen, paradoxerweise realistischem Spielerlebnis.

Anzunehmen ist, dass die Kritiker ihre Wut, die sich etwa aus dem leidigen Kiddieimage Nintendos speiste, auf die Grafik übertrugen und so ventilierten. Das Spielprinzip selbst schloss nahtlos an die N64-Vorgänger an. Kampftechnik, die Gestaltung der Dungeons und die opulente, offene Oberwelt erleichterten den schnellen Einstieg. Natürlich geriet auch die Oberwelt selbst gern zum Reizpunkt. Aus den grünen Weiden der hylianischen Steppe verpflanzte man Link in eine Wasserlandschaft. Statt zu Pferd über Stock und Stein zu reiten befehligte man den Leunenkönig: ein zeterndes Drachenboot, das nur mühsam via Taktstock navigiert werden wollte.

Diskussionen um die technischen Voraussetzungen neuer Konsolen sind gerade in den Anfangsjahren elementarer Gegenstand in Fankreisen. Über 12 Jahre später und in dem Wissen, dass Nintendo sowohl mit dem Gamecube als auch mit Wii und WiiU keine Avancen hegt(e), die leistungsfähigsten Heimkonsolen ins Rennen zu schicken, lassen die damalige Kontroverse grotesk erscheinen. Auch war das Mantra, dass das Gameplay, nicht die Grafik über den Spielspaß entscheidet, schon damals wohl bekannt. Dennoch war der latente Zorn mit Händen greifbar. Leserbriefe aus der damaligen Zeit legen Zeugnis davon ab.

Eine aufgebrachte Leserin der Man!ac (09/2002, S. 89) macht ihrem Ärger über die zuvor gesehenen Screenshots Luft:

„Das sollte Link sein? Ist das wirklich der Ernst der Programmierer? Sagt mir, dass das nicht wahr ist. (…) Ihr könnt mir doch jetzt nicht weis machen, dass Leute über 12 Jahren dieses Spiel tatsächlich in die Hand nehmen würden. (…) Also wenn das so erscheinen sollte, dann bin ich mir sicher, dass ich mir keinen Gamecube mehr zulegen werden.“

Ins selbe Horn stieß eine weitere Gamerin in der N-Zone (09/2002, S. 76):

„[I]ch bin ein großer Zelda-Fan und möchte deshalb auch meine Meinung zum neuen Look abgeben. Ich finde es schlicht und einfach sehr schade, was aus Link geworden ist. Mit dem hohen Alter von 41 Jahren und allen Zelda-Spielen und der dazugehörenden Hardware habe ich mir den Gamecube nur gekauft, weil ich glaubte, jetzt kommt das Super-Zelda-Spiel.“

Man liebt seine Kinder auch, wenn sie hässlich sind – bleibt zu meinen. Doch das liebgewonnene „Kind“ Link, fleischgeworden in Form der Softwareperle Ocarina of Time, wurde verstoßen. Ein Shitstorm, bevor es Shitstürme gab.

Nintendo gelang jedoch ein Marketing-Clou. Der Disc mit dem brandneuen ‚Celda‘ wurde eine zweite Scheibe beigelegt, auf der OoT und eine leicht abgewandelte, schwerere Variante namens ‚Master Quest‘ gespielt werden konnten. Das Bundle wurde – siehe oben – in chices Gold gehüllt und als „Limitierte Auflage!“ verkauft. Ein grandioser Witz, glänzte die normale Version durch latente Abwesenheit.

Die Verkaufszahlen gaben dem Experiment recht. Und setzten Nintendo dennoch unter Zugzwang, noch in dieser Konsolengeneration ein Zelda im ‚Erwachsenen-Look‘ zu servieren. Twighlight Princess erschien zum Abschluss der Gamecube-Lebensspanne und war bereits auf der Wii spielbar. Links Ausflug in die überflutete Wasserwelt des einstigen Hyrule gilt – aller damaligen Streitigkeiten trotzend – heute als moderner Klassiker. Zu Recht.

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