[Retro-Review] Mehr als nur ein Tetris-Clon? Columns (Sega Mega Drive)

von retrodadler

Bevor Videospiele zu massentauglichen Medien aufstiegen und Casual Games den Markt fluteten gab es nur einen Gradmesser, der zu beurteilen vermochte, ob ein Spiel den Nerv breiter Bevölkerungsschichten traf: Mochten es auch eure Eltern?

Bei den meinen waren dies die Windows-Kartenspiele Solitär und Freecell, Tetris und das unsägliche Moorhuhn (*grusel*). Soweit, so gewöhnlich. Meine Mutter durchbrach dieses vorhersehbare Muster nur einmal. Und zwar durch das exzessive Zocken des Sega-Puzzle-Klassikers Columns.

Columns Startscreen

Starbildschirm – Auf ins antike Griechenland

Wie bei Tetris ist der Bildschirm durch einen rechteckigen Kasten ausgefüllt. Herunterpurzelnde, dreifarbige Säulen (lat. columna) gilt es dergestalt anzuordnen, dass drei identisch kolorierte Edelsteinfelder horizontal, vertikal oder diagonal nebeneinander liegen. Daraufhin lösen sie sich auf, die darüber befindlichen Säulen fallen herab und setzen Kettenreaktionen in Gang, durch die weitere Reihen vom Schirm fliegen.

Doch damit der Tetris-Analogien noch nicht genug. Wie bei fast allen Puzzlespielen geht es um Punkte und eine pro Level steigende Geschwindigkeit. Sollte das obere Ende nahen, droht ein schnelles Game Over. Der Spieler kontrolliert in der Ur-Fassung des Spiels (siehe dazu weiter unten) nur die Anordnung der Farben und steuert die zu erreichende Reihe an. Spätere Fassungen erlaubten eine Drehung der vertikal geordneten Säulen in die Horizontale.

Columns InGame

Schwung in die Sache bringt der 2-Spieler-Modus, der in die Solo-Variante integriert ist. Der Bildschirm ist von vornherein geteilt, weshalb ein Mitspieler jederzeit auf der rechten Seite ins Spiel einsteigen kann. Obwohl ein waschechter Versus-Modus wie bei Tetris nicht integriert ist, die eigenen Aktionen also keinen Einfluss auf das Spielerlebnis des ‚Gegners’ haben, lässt sich mit wenig Phantasie glänzend ‚gegeneinander’ spielen: Beginnen beide zum selben Zeitpunkt mit den gleichen Voreinstellungen (‚einfach’, ‚mittel’ oder ‚schwer’ bestimmen den Level, auf dem gestartet wird, und damit Geschwindigkeit und Startbonuspunkte) ist leicht ersichtlich, wer in welcher Zeit die meisten Punkte absahnt. Oder am längsten überlebt.

Obwohl sich am basalen Spielprinzip auch in den Fortsetzungen nicht viel geändert hat, beziehen sich die hier getroffenen Ausführungen auf die Sega-Mega-Drive-Version. Sie ist die am häufigsten portierte, zuletzt etwa 2009 in SEGA Mega Drive Ultimate Collection (PS3 und 360). Dadurch ist sie auch die am häufigsten rezensierte und rezipierte, wodurch die Mär des ‚Ur-Spiels’ womöglich begründet ist. Tatsächlich war Columns zunächst ein Arcade-Spiel. 1990 folgten Portierungen für die Sega-Konsolen Master System und Mega Drive sowie für Game-Boy-Konkurrent Game Gear. Letzterer wurde sogar mit Columns ausgeliefert. Die für das Gameplay notwendige Farbenpracht belegte die technische Überlegenheit des Handheld gegenüber seines Nintendo-Widersachers (dem analog Tetris beilag).

Columns ist trotz seines Alters bis heute gut spielbar. Das simple Grundprinzip fesselt sofort und ist im Stande, ein stundenlanges Puzzle-Fieber auszulösen. Bestimmte zusätzliche Modi peppen den Einspielermodus auf. Von wirklich zeitloser Qualität ist indes die Musik. Die meisten Themes der Game-Gear- und Mega-Drive-Version wurden von Tokuhiko Uwaba arrangiert. Seine Kompositionen flossen in viele weitere Retroklassiker wie Phantasy Star, Space Harrier II oder Alex Kidd in Miracle World ein. Am berühmtesten dürfte das Stück ‚Clotho’ sein. Es nimmt Bezug auf eine Figur der griechischen Mythologie und fügt sich somit nahtlos in das antike Ambiente des Spiels:

Dutzende weitere Youtube-Videos, die ausschließlich den Startbildschirm anzeigen (um unnötige Nebengeräusche dumpf aufknallender Steinpakete zu vermeiden) unterstreichen die Qualität und Eingängigkeit der Midi-Perlen.

Columns Packung

Kopien der originalen Mega-Drive-Cartridge sind nicht leicht zu finden. Jedoch erschien zusammen mit dem Motorrad-Racer Super Hang-On und dem extrem klobigen Fußballspiel World Cup Italia 90 das Spiel 1992 als Teil der MEGA GAMES I: eine chice 3-in-1-Spielkassette, die Teil fast jedes größeren Bundle-Verkaufs ist.

 

Zum Weiterlesen:

Tokuhiko Uwaba auf segaretro.org

Retro Review auf screwattack.com

 

FAZIT

Natürlich ähnelt das Spielprinzip in vielerlei Hinsicht dem bahnbrechenden Kästchensortierer von Nintendo. Aber welches Puzzle-Spiel dieser Zeit tat das nicht? Tetris setzte Maßstäbe und leitete einen Paradigmenwechsel im Bereich der Geschicklichkeitsspiele ein. Sich daran nicht zu orientieren wäre der eigentliche Irrsinn gewesen.

Retrospektiv nährt sich der Clon-Vorwurf wohl aus der Tatsache, dass Sega – bemüht im ersten echten Konsolenkrieg der 16-Bit-Ära seinem japanischen Widersache Paroli zu bieten – Columns gezielt als besseres Tetris zu vermarkten versuchte. Ob dies gelang ist eine müßige Frage. Fest steht, dass das Spiel verblüffend frisches Gameplay und ein kurzweiliges Vergnügen bietet. Die sowohl bunte als auch perfekt arrangierte Grafik sowie der legendäre Sound ergänzen ein Spielprinzip, dessen einziger Malus das hohe Suchtpotential ist.

Retro-Wertung 4_5

Wertung: 4/5

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